"der und die"

Lichtinstallation zu einem Gedicht von Ernst Jandl

 



2008

Abmessungen 245 x 310 cm

 

Das Gedicht "der und die" von Ernst Jandl besteht aus 338 Wörtern, die in 13 Spalten und 26 Reihen geordnet sind. Jedes Wort besteht aus genau drei Buchstaben. Aus dieser Anordnung ergibt sich ein gradliniger, strenger visueller Aufbau. Die Betrachtung des Textes in seiner grafische Erscheinung allein verführt den Betrachter nicht zwangsläufig um Lesen des Textes. Es lassen sich keine emotionalen Regungen erkennen. Beginnt man den Inhalt zu lesen so entpuppt sich aus der trockenen, stur gerasterten äusseren Form ein ereignisreicher und aufgewühlter Text. Zwei Menschen begegnen sich, ein Rendez-Vous, lang geplant oder spontan, aufgeheizte Gemüter, der Liebesakt.
Ernst Jandl, zu dessen sprachlichem Handwerk es gehörte, die deutsche Sprache zu demontieren, um sie sichtbar zu machen, auf sie aufmerksam zu machen, hat in diesem Gedicht zusätzlich mit der visuellen Komponente gearbeitet. Er stellt einen emotionslosen Block aus immer gleichlangen Wörtern in den Raum, dessen Erscheinungsbild eher zum Lesen aus- als einläd um später um so mehr Spannung zurückzugeben, je intensiver man sich auf den Text einlässt.
Die Lichtinstalllation befasst sich mit dieser visuellen und inhaltlichen Ambivalenz. Sie übernimmt grundlegend den strengen Aufbau des Gedichtes in nachempfundendener Schrifttype, der Form und Proportionen der immer gleichen Blöcke im vorgegebenen Raster.

Licht macht sichtbar.

Der Text ist zunächst unsichtbar. 338 reinweisse Acryl-Plättchen auf einer Fläche von ca. 2,50 x 3,10m sind in eben jenem Originalraster in gleicher Propotion an der Wand angeordnet. Bei vorherrschender Stille im Raum beginnt sich das Gedicht sich langsam aufzubauen. Das bedeutet, daß zunächst das erste Wort auf der ersten Platte durch hinterlegte LEDs langsam in Form von Licht erscheint. Nach 1-2 Sekunden beginnt das nächste Wort sich einzudimmen. Sofern im Raum die Stille gehalten wird, so ist das Gedicht nach etwa 10 Minuten vollständig sichtbar. Wird ein Schall erzeugt, duch z.B. Husten, ein kingelndes Handy, ein neu eintretender Mensch etc. so zieht sich das Lichtgedicht wieder zurück, ähnlich einer Schnecke in ihr Haus. Zunächst nur um etwa 10 Wörter, nach anhaltendem Geräuschpegel dann komplett. Das Gedicht wird wieder annähernd unsichrtbar. Die, zur Sensorik, mit eingebaute Elektronik überprüft den Schallpegel und wechselt nach etwa 20 Sekunden in einen anderen Modus. Ist es unmöglich die Ruhe im Raum zu halten, so beginnt das Gedicht, besser die einzelnen Wörter des Gedichtes auf den Schall im Raum zu reagieren. Die Elektronik steuert nun ihrerseits, abhängig vom erzeugten Schall im Raum das Gedicht. Nur in vereinzelten Fragmenten wird es sichtbar. Dem Takt der Töne im Raum folgend, kommt es zu einer scheinbar diffus gewählten Auswahl von Wörtern innerhalb des Textfeldes, die durch Licht animiert werden, nur Bruchstücke des Inhaltes werden sichtbar. Jandls Text wird seinerseits zerpflückt. Werden wiederum etwa 20 Sek. lang keine Schallwellen registriert, so beginnt sich das Gedicht wieder langsam und regelmässig, vielleicht gar stur bis hin zu seinem letzten 338igsten Wort in Licht aufzubauen.

Es bedarf bei dieser Darstellung zum einen ausdauernde Ruhe um den Text in voller Gänze sichtbar werden zu lassen, zum anderen entsteht eine Art von Wortspiel in hektischem Umfeld. In beiden Zuständen wird der Geist Jandls sichtbar: im Demontierenden seines eigenen Inhaltes und in der Sturheit des Momentes, um schliesslich den vollen Gehalt zu ernten.